Der Eiskeller im Wall

Aus Emden-Historisch
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Der Eiskeller – das verborgene Herz aus Frost

Zwischen den gewaltigen Erdwällen, den Bastionen und Zwingern, die Emden einst schützen sollten, verbarg sich über viele Jahrzehnte eine kleine, fast unscheinbare, aber für das Leben der Stadt bedeutsame Einrichtung: der Eiskeller auf dem Heuzwinger. Für ältere Emder ist er noch ein Begriff, ein Stück Stadtgeschichte, das man eher flüstert als erzählt – denn sichtbar ist er heute nicht mehr. Nur seine Fundamente ruhen noch im Boden, wie die Knochen eines vergessenen Tieres.

Erbaut wurde der Eiskeller um 1851, in einer Zeit, in der man noch nicht im Traum daran dachte, Eis künstlich herzustellen. Der Winter war der einzige Lieferant. Sobald die Gewässer der Stadt – etwa der Brauersgraben – eine dicke, tragende Eisschicht trugen, rückten Männer mit mannshohen Sägen aus. Sie schnitten schwere, klare Eisblöcke aus dem gefrorenen Wasser, die wie gläserne Quader in der Wintersonne schimmerten. Mit Pferdefuhrwerken wurden sie durch die kalte Luft zum Heuzwinger gebracht, wo der Eiskeller wartete: Tief in die Erde gemauert, an einem Ort, der selbst im Hochsommer kaum ein Sonnenstrahl erreichte.

Im Inneren herrschte eine feuchte, schwere Kühle. Die Eisblöcke wurden sorgfältig aufgeschichtet, getrennt durch eine dicke Schicht aus Stroh, das wie eine natürliche Decke wirkte. Wichtig war, dass das Schmelzwasser ablaufen konnte und das Eis die Wände nicht berührte – sonst hätte die Feuchtigkeit die Konstruktion unterwandert. So entstand ein Vorrat, der bis weit in den Sommer hinein hielt. Für die Händler der Stadt – besonders die Schlachter und Fischer – war dieses Eis ein Segen. Es hielt Fleisch frisch, Fisch kühl und damit den Handel am Leben.

Doch der Eiskeller war nicht nur ein Ort der Versorgung. In den Bombennächten von 1943 bis 1945 wurde er zum Zufluchtsort. Menschen drängten sich in die feuchte Dunkelheit, während über ihnen die Stadt brannte. Der Keller, einst gebaut, um Eis zu bewahren, bewahrte nun Leben.

Heute ist er verschwunden, überwachsen, zugedeckt von Zeit und Erde. Doch wer auf dem Heuzwinger steht, steht über einem Ort, an dem Emden einst seine Winter speicherte – und an dem die Stadt in ihren dunkelsten Stunden Schutz fand. Ein stiller, kühler Raum, der die Geschichte des Walls um eine unerwartete, fast intime Facette bereichert.

Autor: Alfred Schmidt, 07.03.2026

Um 1851 ersuchten Sanitäsrat Dr. med. Georg Lange, der Stadtbaumeister Berg und Kaufmann D. Neumark beim Magistrat um die Erlaubnis, im Wall einen Eiskeller einrichten zu dürfen. Ihrer Eingabe legten sie eine Planskizze bei und gründeten eine Eiskeller-Gesellschaft.[1]

Planskizze 1851 (StadtA EMD)

Bis zur Fertigstellung des Luftschutzbunkers in der Boltentorstraße haben die Anwohner dort im Keller Schutz gesucht. Später war der Eingang aber immer verschlossen und irgendwann um 1975 wurde der Zugang verfüllt. Unterlagen oder eine Bauakte gibt es nicht.
Heute steht oberhalb des ehemaligen Eiskellers eine Gasreglerstation auf dem Wall.[2]

Heuzwinger Deckungsgraben
  1. StadtA EMD IV 02769.
  2. D. Janßen, persönliche Kommunikation, 12.03.2026.