Der Emder Wall
Als zu Beginn des 17. Jahrhunderts die neuen Wallanlagen geplant und ab 1605 errichtet wurden, herrschte im Emder Magistrat ein beinahe grenzenloser Zukunftsoptimismus. Man war überzeugt, dass das wirtschaftliche und demographische Wachstum der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ungebrochen anhalten würde. Entsprechend großzügig fiel der Entwurf aus: Mit der Einbeziehung der Boltentor- und Neutorneustadt verdoppelte sich die Grundfläche der Stadt nahezu.

Doch die Entwicklung nahm eine andere Richtung. Mehrere Faktoren ließen den wirtschaftlichen Aufschwung erlahmen. Nach dem Wegzug vieler niederländischer Glaubensflüchtlinge verlor Emden an Bedeutung und fiel hinter die großen Handelsmetropolen Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen und Brügge zurück. Die Stagnation hielt bis weit ins 19. Jahrhundert an – eine Zeit, in der die Stadt kaum wuchs und sich auch an den Befestigungsanlagen wenig veränderte. Nachdem der Wall im 18. Jahrhundert seine militärische Funktion verloren hatte, verfiel er in einen langen Dornröschenschlaf. Zwar nutzte man ihn zeitweise wirtschaftlich und später als Grünanlage, doch im Kern blieb er ein weitgehend ungenutztes Bauwerk.
Aus heutiger Perspektive erwies sich diese Entwicklung als Glücksfall. Denn Emden besitzt mit seinem Wall ein nahezu einzigartiges historisches Monument. In anderen Städten – etwa Bremen oder Hamburg – verschwanden vergleichbare Anlagen im Zuge der Industrialisierung. Die Städte wuchsen über ihre alten Grenzen hinaus, und die Befestigungen mussten breiten Straßen und repräsentativen Boulevards weichen. Besonders drastisch zeigt dies das Beispiel Köln, wo zu Beginn des 20. Jahrhunderts die gesamte mittelalterliche Stadtbefestigung abgebrochen wurde – damals gefeiert als Befreiungsschlag in die Moderne.
In Bremen und Hamburg erinnern heute nur noch Fragmente an die einstigen Wallanlagen. Emden hingegen bewahrte sein Gesamtwerk. Nach der Zerstörung der historischen Altstadt im Zweiten Weltkrieg blieb der Wall nahezu unversehrt erhalten. Zwar verschwanden die alten Stadttore, und Teile des Stadtgrabens verlandeten, doch die landseitige Befestigung besteht – abgesehen von zwei Bastionen – bis heute.
Der Wall mit seinen Zwingern vermittelt noch immer die Prinzipien der modernen Festungsbaukunst der Renaissance, wie sie Geerd Everts Piloot und Johan Valckenburgh mustergültig umsetzten. Das Ensemble besitzt große kulturhistorische Bedeutung: Es zeigt die Abkehr von mittelalterlichen Mauern und Gräben hin zu bastionären Anlagen, die auf die neuen Geschütztechniken reagierten. Zugleich lässt es erahnen, wie die Menschen ohne Stein und Holz, allein mit Erde, Wasser und den im Deichbau entwickelten Techniken, eine wehrhafte Struktur errichteten. Damit wird der Wall auch zu einem Denkmal norddeutscher Kulturlandschaft – ein Bauwerk, das den ewigen Kampf zwischen Küstenbewohnern und Meer in sich trägt.
Neben wenigen erhaltenen Festungswerken in den Niederlanden nimmt der Emder Wall eine herausragende kultur- und architekturhistorische Stellung ein. Seine Bewahrung und behutsame Wiederherstellung sind ein Auftrag an die Gegenwart.
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Albringswehrster Zwinger mit Blick zur "Langen Wallbrücke"
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"Weiße Wallbrücke" über den Stadtgraben in Richtung Johanna-Mühle
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Schiebebrücke über den Ems-Jade-Kanal zwischen Rotem Siel und Kesselschleuse
Der Wall hatte nach Fertigstellung eine Länge von etwa 2,5 Kilometern. Die Breite eines Zwingers lag zwischen 50 und 150 Metern bei einer Höhe von 5 Metern. Der ihn umgebenden Doppelgrabens war 36 Meter breit.
1626 genehmigte der Magistrat gegen Auflagen die Bepflanzung von Meister Geerds Zwinger, Heuzwinger, Albingswehrster Zwinger und Vogelsangzwinger mit Ulmen und Linden. Dabei war zu beachtet, dass die Windzugänge für die Windmühlen nicht beeinträchtigt werden.
Nachdem Emden ab 1744 wieder preußische Provinz war, konnten die jetzt nicht mehr notwendigen Wallanlagen umgenutzt werden. Zunächst verfüllte man den innere Graben, um die gewonnene Fläche landwirtschaftlich zu nutzen. Es entstanden z.B. auf dem Vogelsangzwinger eine Seilerei und auf dem Heuzwinger eine Baumschule.
Nach Abbruch des Beckhofzwingers, des Borsumerzwingers und des Emszwingers, und durch Einebnung des Gebietes am Strohdeich und des Katte-, Mittel- und Beckhofwalls konnte sich dort Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts eine Parkanlage entwickeln.
Seit 1977 steht die Emder Wallanlage unter Denkmalschutz.[1]
