Sturmflut November 1776

Aus Emden-Historisch

Dothias Wiarda als Zeitzeuge berichtete über diese schlimme Flut:

Im November 1776 wehte es einige Tage lang scharf aus Süden, und dann aus Südwesten. Dadurch war viel Wasser durch den Canal in die Nordsee getrieben. Mit einmal drehte sich der Wind in das Nordwesten, und drängte das hoch geschwollene Wasser auf die Küste dieser Provinz hin. Frühmorgens am 21 November entstand ein fliegender Sturm, der am heftigsten war, wie gerade die Fluth eintrat. Das Wasser erhob sich so schnell, und so hoch, daß es zwey Fuß höher stand, wie bei der Fluth vom 15ten November vorigen Jahres, und um 9 Zoll die fürchterliche Wasserfluth von 1717 überstieg. Diese Fluth ist also die höchste gewesen, die wir in diesem Jahrhundert gehabt haben. Schlimm würde es mit unserm Vaterlande ausgesehen haben, hätte sich nicht der Sturm vor Eintritt der zweyten Fluth geleget, und wäre nicht der Wind mehr nörtlich geworden. Aber dem ohnerachtet würde Tod und Verderben das Looß vieler Eingesessenen geworden seyn, wenn die Deiche nicht in einem haltbaren Stande, und, das Deichwesen überhaupt nicht besser angeordnet gewesen wäre, als damals, wie die große Fluth von 1717 sich ereignete. Diesesmal gieng das Wasser fast allgemein über alle Deiche hinweg, dennoch entstanden in den Seedeichen, ob sie schon hin und wieder durchlöchert waren, nirgends Durchbrüche. Die durch die angezogenen Sturm-Glocken zusammengerufenen benachbarten Dorfschaften waren während des Sturms beständig in der Arbeit, um die Einrisse der Deiche zu stopfen. Auch dem unermüdeten Fleiß der Eingesessenen und der Thätigkeit der kundigen Deichrichter hat man es zu danken, daß die Seedeiche, und besonders die Norderdeiche, worauf fünf Schiffe fest saßen, nicht zum Durchbruch kamen. So schrecklich dieser Sturm auch war, so betrug dennoch der Schaden in der Ober- und Niederemsischen Deichacht, nur 34287 Gulden. Nur waren die Seedeiche des Schulenburger-Polders, und des neuen Bunder-Interessenten-Polders, wie wir oben erwähnet haben, weggerissen. Auch hatte der Grimersummer und Eilsumer Polder Durchbrüche und standen unter Wasser, da denn die Früchte verdorben waren. Viel hatten die Emsdeiche gelitten. Allenthalben waren Löcher. Fast ganz Reiderland war überströmt. Der Dieler-Syl war weggesprengt, und hatte einen großen Kolk verursacht. Bei Esklum war eine Oefnung in dem Deiche von 200 Fuß breit. In der Gegend entstand ein Kolk von 40 Fuß. Die Folge davon war, daß das niedrige Oberledingerland ganz unter Wasser gesetzet wurde. So war auch der Nortmormer Syl weggespühlet. Zwischen Leer und Oldarsum waren die mehresten Durchbrüche. Durch den Flecken Leer strömte allenthalben das Wasser hindurch. Ein kranker Mann ertrank auf seinem Bette. In Leerort stand das Wasser bis an die Dächer der Häuser. Durch einen Kahn wurde das Leben einiger Menschen gerettet. Den beträchtlichsten Verlust litt Emden. Der Stadtdeich hinter den Kasernen hatte an verschiedenen Stellen Durchbruche. Die Sturm-Thüren in dem rothen Syle waren gesprungen, und die Emsmauer von dem Hafen bis zu der großen Kirche lag ganz darnieder. Nun strömte das Wasser mit Gewalt durch die Stadt, riß in vielen Gegenden das Steinpflaster der Straßen auf, und drang in die Häuser ein. Bei dem Herren-Thor spühlte der Sturz des Wassers ein so tiefes Loch ein, als der Bogen des Gewölbes hoch war. Der durch die Stadt dringende Strom war so stark, daß zehn Mühlsteine, die auf der Straße lagen, weggerissen, und in den Canal geworfen wurden. Fast kein Haus, selbst in den hohen Gegenden der Stadt, wo man sonst kein Wasser gewohnet war, blieb von dem Eindringen des Wassers verschonet. Nun trieben durch die Straßen Stühle, Schränke, Tische, und die aus den Gräbern des großen Kirchhofes ausgerissene Todten-Särge. In den Kirchen war eine solche Verwüstung angerichtet, daß an dem folgenden Sonntag der Gottesdienst eingestellet werden mußte. Bei dieser schrecklichen Scene war es ein Glück für die Emder Bürger, daß das Eindringen des Wassers sich nicht in der Nacht ereignete. Daher kam es, daß nur eine Magd ihr Leben einbüßte. Der Schaden, den Privatpersonen an ihren Häusern und am Hausgeräth gelitten hatten, war über 100000 Thlr. angeschlagen, und der Stadt-Cammerei-Casse verursachte diese Fluth eine Ausgabe von 27151 Thlr. Die nothwendige Herstellung der umgerissenen Mauer setzte den Magistrat in die größte Verlegenheit, weil der herannahende Winter das Mauern nicht erlaubte. Daher wurden nur vorläufig die offenen Stellen mit zusammengelegten Sand- und Mauersteinen ausgefüllet, und hinterwärts zur Stützung Balken angebracht. Wie der harte Winter, welcher im Grade der Kälte die Winter von 1709 und 1740 überstieg, aufhörte, und gleich mit dem Eintritt des Frühjahres 1777 wurde mit der Arbeit angefangen und im August war die Mauer, wozu außer den alten brauchbaren Steinen, die sich wider Vermuthen sehr gut von dem Kalk reinigen ließen, 651500 neue Steine, 5098 Tonnen Kalk und 2073 Tonnen Cement verarbeitet wurden, völlig errichtet. Nothwendig mußte die Cämmereicasse durch diese beträchtliche Ausgabe in neue Schulden versenket werden; allein die Grosmuth des Königes hob diese Besorgniß. Er, dieser uns und der spätesten Nachkommenschaft stets verehrungswürdige Landesherr, schenkte der Stadt zur Wiederherstellung der Mauer 20000 Thlr., die ihr baar aus der Hof-Etatscasse ausgezahlet wurden. Eine an der Mauer befindliche Inschrift bewahret das Andenken dieser königlichen Gnade und Großmuth. Bis zu dem Absterben des hochseligen Königs ist diese Provinz von Wasserfluthen verschonet geblieben. Zwar erhob sich am 31 August 1777 ein schrecklicher Sturm, der an Heftigkeit den vorjährigen überstieg; nur hatte der Wind nicht die Richtung nach dem gefährlichen Nordwesten, daher entstand zwar ein beträchtlicher Schaden an Gebäuden, und an dem Korn auf dem Lande, es erfolgte aber keine Ueberströmung. So stand auch am 29 Oct. 1779 das Wasser 6 Fuß 5 Zoll über den Pegel; weil aber der Sturm nicht anhielt, war der Schaden unbeträchtlich.[1]


  1. WIARDA, Tileman Dothias (1791): Ostfriesische Geschichte, Aurich, Bd. 9, S. 143-147.